über mich

                           Norbert Schermann - Wiener Werklmann

Geboren 1950 als erstes Kind von neun Kindern einer Bauernfamilie im Burgenland hatte ich meine erste Begegnung mit einem Wiener Werklmann im zarten Alter von acht Jahren. Damals durfte ich in den Sommerferien bei meiner Tante für einige Tage zu Besuch sein. Sie wohnte in Mariahilf, das ist der sechste Bezirk von Wien.
Eines Tages hörte ich in der Ferne bei einem Einkaufsbummel durch die Mariahilferstraße Orgel-(Werkl)-Klänge. Für mich als Landkind war diese Musik völlig unbekannt und neu. Auf Höhe der Kreuzung Mariahilferstraße/Kaiserstraße stand also dieser Mann vor einem Kaufhaus und drehte bedächtig seine Kurbel. Aus seinem "Kasten" tönten schöne, sentimental stimmende Melodien. Ich blieb stehen und wollte kurz lauschen, doch meine Tante sagte zu mir: "Komm weiter, sonst müssen wir diesem Bettler auch noch was geben". Traurig, dass ich nicht länger zuhören durfte, ging ich mit ihr wieder weiter
In meiner Heimat, wo für Kinder in den 50er Jahren keine besonderen Möglichkeiten zu Sport und Spiel bestanden, war für Buben meines Alters das Fußballspiel die einzige Abwechslung. Da in dieser Region nur Landwirtschaft betrieben wurde, mussten wir Kinder in den Schulferien tüchtig bei der Feldarbeit mithelfen. Fußball interessierte mich als Kind und auch heute als Erwachsener nicht besonders. Mein Interesse galt schon zu dieser Zeit der Musik. Die Kirchenorgel, welche mich schon damals durch die große Klangvielfalt beeindruckte, war mein Lieblingsinstrument.
Zu dieser Zeit waren die Fußwallfahrten zu den Kirchweihfesten (=Kirtag) noch Tradition. Dies war für mich hoch interessant, hatte ich doch dabei die Möglichkeit, wieder neue Orgeln kennenzulernen. Besonders gern ging ich im Nachbardorf zur Messe, denn der dortige Schullehrer, Herr Wallner, der gleichzeitig den Kantorendienst versah, war ein hervorragender Organist. Ihn habe ich dann für 25 Jahre aus den Augen verloren, jedoch bei einer Hochzeit, wo ich Gast war, habe ich ihn aufgrund seiner besonderen Art, wie er die Orgel registrierte und spielte, ohne ihn zu sehen wiedererkannt. Die Wiedersehensfreude war entsprechend groß.
In Wien lernte ich Mitte der 60er Jahre den Werklmann Franz Radosta kennen, der im zehnten Bezirk "Favoriten" Zuhause war. Er war der letzte Werklmann von Wien, der die sogenannte "Maria Theresien Lizenz" besaß, die es ihm erlaubte, auf allen Straßen und Plätzen von Wien zu spielen.
1977 kam es dann zur schicksalhaften Begegnung mit dem bekannten Wienerliedsänger, Musiker, Komponisten und Orgelbauer Prof. Karl Nagl. Das war für mich eine derartig neue Welt, welche sich durch ihn für mich da auftat, die mit Worten nicht zu beschreiben ist. Ich durfte bis zu seinem viel zu frühen Lebensende Schüler von ihm sein. Die schönste Arbeit, die ich zusammen mit ihm machen durfte, war die Restaurierung einer 54er Molzer-Trompetenorgel (Baujahr 1904). Unzählige Arbeitsstunden waren notwendig, um dieses historische Prachtstück wieder erklingen zu lassen. Unsere Freundschaft wurde im Laufe der Jahre so innig, wie man sie sonst nur zwischen Geschwistern kennt. Karl Nagl war nicht nur ein begnadeter Musiker sondern auch ein guter Menschenkenner. Sogleich erkannte er meine große Liebe zum "Werkl" und lieh mir ein im Jahre 1900 von Sebastian Konrad aus der Steiermark gebautes Werkl. Mit dieser Walzenorgel hatte ich dann meine ersten Aufritte.
1986 war ich damit in Athen. Die Wiener Fremdenverkehrswerbung veranstaltete dort eine Info-Woche und ich war mit dem Werkl sozusagen als Wiener Original mit dabei.
Im Rahmen der Internationalen Drehorgeltreffen in Wien lernte ich viele interessante Drehorgeln der verschiedensten Orgelbauer kennen. Für mich war die klanglich schönste eine 26er Göckel Violinpan-Notenorgel.
Im Mai 1987 war es dann soweit. Ich telefonierte mit Herrn Göckel und vereinbarte einen ersten Termin und im August war dann die Orgel abholbereit. Mit entsprechender Aufregung sah ich dem Tag entgegen.
Zu dieser Zeit waren meine Familie und ich gerade auf Urlaub auf einem Kärntner Bauernhof. So ergab es sich, dass der erste Auftritt mit meiner neuen Orgel im Rahmen eines Grillfestes erfolgte. Es war eine gelungene Überraschung.
1989 war ich zusammen mit den Wiener Philharmonikern für drei Wochen in Tokio, wo für Wien kräftig die Werbetrommel gerührt wurde. Wenn ich zurückdenke, eine schöne Zeit.
Der Zufall wollte es, dass ich 1988 eine alte total verrostete Dampfmaschine entdeckte und kaufte. Nach sechs Monaten Restaurierung, wobei die Maschine bis auf die letzte Schraube zerlegt wurde, war es dann soweit. Am 8. Dezember 1989 wurde bei einem Adventmarkt meine Orgel erstmals mit einer Dampfmaschine angetrieben.
Seither habe ich schon auf vielen Märkten, Festivals und Eröffnungen gespielt und damit immer für großes Aufsehen gesorgt. Um die traditionellen Wiener Werklmänner sowohl aus der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, habe ich im Jänner 1995 einen Antrag auf die Benennung einer Gasse in Wien auf den Namen "Werklmannweg" eingereicht.
Der Antrag auf Benennung wurde von der Bezirksvorstehung einstimmig beschlossen. Die feierliche Eröffnung des Werklmannweges erfolgte am 23. September 1995.
Die größte Freude meines Lebens war jedoch der Erwerb einer Bacigalupo Trompeten-Notenorgel mit 53 Tonstufen. Sie ist ein echtes Prachtexemplar und läßt jedes Sammlerherz höher schlagen. Nach Restaurierung durch die Johann Gebert Fachwerkstätte für mechanische Musikinstrumente in Vogelsheim / Frankreich, erklingt sie wieder in ihrer vollen Farbenpracht, grad so wie in der "guten alten Zeit".
Es bereitet mir jedesmal großes Vergnügen, wenn ich ein Fest mit meiner Musik verschönern darf.
So verbleibe ich mit den besten Grüßen,
Ihr Wiener Werklmann,
Norbert Schermann


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